Wenn Träume zerplatzen
© Von Uta-Maria Freckmann
Man braucht einen langen Atem! Das war der Tenor aller Initiatorinnen eines Beginenhofes. In den letzten Jahren habe ich manche Interviews mit Frauen geführt, die mit viel Engagement in ein Beginenhof-Projekt involviert waren. Der langwierige Aufbau, die vielen Treffen, das spannende Kennenlernen der Mitstreiterinnen, große gemeinsame Mühen, um einen Investor zu finden - und schließlich der lang ersehnte Einzug in „ihren Beginenhof“.
Freude im Miteinander
Wie groß war die Freude der Beginen wenn alles klappte, nach vielen Jahren ununterbrochenen Engagements für ihre Sache und der Umsetzung all dessen, was die Frauen sich ersehnten. So sahen sie ihren Traum Wirklichkeit werden, in Form eines Gebäudes, welches viele Gleichgesinnte aufnehmen sollte, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Meistens begannen die Schwierigkeiten schon im Vorfeld. Viele Frauen sprangen wieder ab, weil es ihnen entweder zu lange dauerte, oder sich das persönliche Lebensfeld geändert hatte.
Gründe dafür waren:
ein neuer Partner;
neuer Job irgendwo anders;
eine Krankheit, und was das Leben noch so als Knüppel zwischen die Beine werfen kann.
Es begann schleichend
Bis dahin konnte man noch Verständnis aufbringen für die schicksalhaften Ereignisse, die sich bei einzelnen Beginen ergaben. Aber was dann geschah, als die Frauen gemeinsam im Hof wohnten, entzog sich oftmals dem eigenen Fassungsvermögen.
Unmerklich änderte sich etwas im Widerhall und Austausch mit den anderen Frauen: Die Freundlichkeit ließ nach, das Miteinander nahm ab, der Ton wurde abweisender. Trotzdem wurde eine gewisse Höflichkeit an den Tag gelegt, sodass niemand gleich erfassen konnte, was da im Untergrund eigentlich ablief und warum alles merklich kühler wurde. Es gab noch immer Zweier - oder Dreiergemeinschaften, die sich bildeten und die als Einheiten auftraten, weil sie sich gut verstanden. Aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Konsens und Zusammensein nicht mehr funktionierten, vielleicht gerade wegen dieser Grüppchenbildung?
Langsam bröckelte der Zusammenhalt auseinander, ohne dass man so recht benennen konnte, woran das genau lag. Gut, man war manchmal unterschiedlicher Meinung gewesen, aber ist das nicht ganz normal? Und dass es immer jemanden gab, der die Dinge gerne anpackte und umsetzte, während andere eher Mitläufer waren, die aber am Ende, wenn abgestimmt werden sollte, gegen das Ergebnis aufbegehrten, das erschien auch ganz normal. Und plötzlich drehte sich alles im Kreis, nichts ging mehr, nach und nach kamen immer weniger Frauen zu den Gemeinschaftstreffen und die Gemeinschaft zerbrach. Einige fühlten sich wohl übergangen, oder nicht genug gesehen in ihrem Bemühen. Wieder andere hatten das Gefühl, mittlerweile unerwünscht zu sein, und jedes Treffen wurde ihnen zur Qual. Diese Treffen waren allerdings eine Voraussetzung für das Gelingen eines Beginenhofs, denn schließlich gab es einen Verein und man musste abstimmen und vieles besprechen.
Welche Reaktionen damit verbunden sein können.
Eigentlich war man sich am Anfang einig gewesen, dass dieser Hof dafür stehen sollte, sich im Alter gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Darauf sollte der gemeinsame Fokus der Beginen liegen, das war "IHR" Projekt. Allen war es wichtig dieses gemeinsame Ziel zu definieren, damit man sich immer wieder daran ausrichten konnte. Darüber kamen alle überein, denn so etwas wurde gebraucht, und schließlich werden wir alle ja einmal alt. Als es dann so weit war, dass eine Frau leicht an Demenz erkrankte und sich ein Bein brach und es darum ging, dass alle sie ein wenig unterstützen und abwechselnd etwas zu essen bringen sollten (die Pflege wurde professionell beauftragt), kippte die Atmosphäre spürbar. Es meldeten sich einige Frauen zu Wort: Das wolle man nicht, so hatte man sich das nicht vorgestellt, die Frau müsse in ein Heim. Daran zerbrach die Gemeinschaft schließlich, denn die Bereitschaft der meisten Frauen, eine von ihnen im niederschwelligen Bereich eine Zeit lang zu unterstützen, war gleich null.
Klarheit über die wahren Bedürfnisse und Motive.
Manchmal stellt sich im Nachhinein heraus, dass Frauen teilweise nur günstig wohnen wollen, denn viele Beginenprojekte werden bezuschusst vom sozialen Wohnungsbau. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, warum eine Gemeinschaft an Zerwürfnissen und unterschiedlichen Meinungen zerbrechen kann. Patentrezepte dafür gibt es wohl nicht. Manchen Gruppen hat Supervision sehr gut geholfen! Andere nutzten diese Hilfe ohne ein nennenswertes Ergebnis einzufahren, welches alle befriedigte. Wiederum andere verwehrten sich vehement gegen einen Einblick von Außenstehenden in die Angelegenheiten und unternahmen nichts in dieser Richtung. Was daher hilfreich sein könnte, ist das "Verankern" von regelmäßigen Supervisionen in Leitlinien oder in der Satzung. Machen wir uns nichts vor: Gemeinschaft ist oft in der Vorstellung ganz wunderbar und soll Erleichterung für das Leben bringen. Man hat immer jemanden zum Klönen und alles wird schöner, so denken viele. Die Realität sieht dann leider anders aus, denn es wurde nicht bedacht, dass das Miteinander, ja selbst das Streiten, gelernt sein will und das Finden eines gemeinsamen Konsenses ebenfalls. Wenn es keine klare Richtung und kein Ziel gibt, an dem man sich immer wieder ausrichten und an dem man sich festhalten kann, wird es schwierig.
Gemeinsam eine Rechtsform wählen
Sich an die Beginen-Stiftung in Tübingen anzuschließen, kann verhindern, dass jede Frau/jeder Mann einziehen kann, der gerade auf Wohnungssuche ist. Die Stiftung lässt die Objekte in Genossenschaften einbinden. Damit bleiben die Wohnungen im Besitz des Vereins. Investoren sind oftmals nicht daran interessiert, das Beginen-Projekt durch den Einzug Gemeinschaft interessierter Mieterinnen zu unterstützen, sondern wollen die Wohnungen schnellstmöglich wieder beziehen lassen. Die Initiatorinnen haben da oft wenig Mitspracherechte. Das führt dazu, dass jedermann und jede Frau einziehen kann, ohne dass vorher geprüft wird, ob das Engagement, welches für Beginenhof-Projekte charakteristisch ist, wirklich von den Mieterinnen angestrebt wird. Auf diese Weise kann ein Beginenhof im Laufe der Jahre zunehmend an Profil verlieren und wenn keine Fokussierung und ein gemeinsamer Wille gegeben sind ein Projekt zu halten, kann es ganz plötzlich enden.
Vielleicht lernt man von denen, die es immer wieder geschafft haben, das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Diese Gemeinschaften gibt es in den deutschen Beginenhöfen, und es sind nicht einmal wenige.
Der Beginenhof in Iserlohn schloss nach 8 Jahren im Jahr 2025 seine Pforten.
Weiterlesen?
Teil 01 und Teil 02: "Wie Gemeinschaften gelingen."
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