Anklage wegen Häresie gegen Marguerite Porete

   

             

                                                                         Bild: Canva

© von Uta-Maria Freckmann


Der Prozess - Verhör und Verurteilung

Marguerite Porete († 1310) gilt in der Forschung allgemein als Begine. Eine eindeutige Urkunde über ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Beginengemeinschaft existiert jedoch nicht. Wahrscheinlich gehörte sie zum weiteren Beginenmilieu im Hennegau und lebte zeitweise als unabhängige oder wandernde Begine. Marguerite war eine der bedeutendsten mystischen Beginen des Mittelalters.

Die Häresie‑Anklage gegen Marguerite Porete gehört zu den hervorstechendsten Inquisitionsverfahren des frühen 14. Jahrhunderts. Ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ und ihre Lehre von der unmittelbaren Gotteinung führten zu theologischen Auseinandersetzungen, die schließlich in einem öffentlichen Prozess und ihrer Hinrichtung endeten. Diese Seite beleuchtet die Hintergründe der Anklage, die Verhörmethoden der Inquisition und die geistige Nähe zwischen Marguerite Porete und Meister Eckhart. Die Quellenlage zu den recherchierten Themen ist generell schwierig. Es ist gut möglich, dass sich das wiedergegebene Bild einmal ändert, wenn mehr Fakten zutage treten.
Die Parallelen zwischen Meister Eckhart und Marguerite Porete im Ausdruck und in den Inhalten sind nicht von der Hand zu weisen. Scheinbar waren sie sich darüber einig, welche Stufen es gibt, um zur Gotteseinung zu gelangen. Marguerite beschrieb in ihrem Buch, dass es dafür keines Mittlers bedarf. Hier eine der Quellen, die Uni Erfurt, die sich mit der Verbindung Meister Eckhards und Marguerite Porete befassen. Meister Eckhart starb vermutlich vor Abschluss seines Verfahrens, woran, ist bis dato nicht genau überliefert, er verschwand aus der Geschichte. Einige seiner Aussagen wurden später posthum verurteilt. In Meister Eckhardts Lehren fanden sich Ansätze ihrer theologischen Aussagen. 

Die Stufen, die Marguerite beschrieb, beinhalten, dass das Ego mit seinen Verhaltensmustern intensiv hinterfragt und so weit geläutert werden muss, damit die Liebe Gottes einfließen kann. Das braucht unser Zutun und geschieht zumeist nicht einfach von selbst. Marguerite postulierte in ihrem Buch unter anderem, dass es dafür keines Mittlers bedarf. Marguerite hielt an ihren Äußerungen in ihrem Buch fest, weil sie diese höchstwahrscheinlich durch ihre Erfahrungen fest verankert wusste. Es war wohl kein Wissen, welches angelesen oder von irgendjemandem übernommen war, sondern durch ihre Erfahrungen belegbar. Deshalb konnte sie es nicht zurücknehmen, als sie von der Inquisition dazu aufgefordert wurde, ohne sich selbst untreu zu werden. Sie war äußerst mutig, denn sie wusste, dass ihr hartnäckiges Schweigen gegen sie ausgelegt werden konnte. Sie galt damit als Relapsa, als rückfällige und uneinsichtige Person. Dieses Urteil führte zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Sie wurde zwei Jahre lang gefangen gehalten und verhört. Ob sie gefoltert wurde, ist nicht eindeutig belegt, wird von einigen Historikern jedoch für möglich gehalten.

Häresieverhöre unterschieden sich von Hexenverhören

Die Verhöre, die Häretikern galten, unterschieden sich von den Verhören, die später bei Hexen angewandt wurden. Sie fokussierten sich hauptsächlich auf theologische Fragen, die gegen die Lehrmeinung der Kirche verstießen. Wohingegen Hexen sich einer peinlichen Befragung unterziehen mussten, wenn sie denunziert worden waren. Entweder ging es dabei um persönliches Unglück einer Person, zum Beispiel bei Krankheit, oder beim plötzlichen Tod eines Kindes, oder um den Verdacht  gezaubert zu haben. Und dann gab es noch als Ursache kollektives Unglück, wenn unerklärliche Klimaeinbrüche die Ernte verdarben oder das Vieh an einer Seuche verstarb. Man konnte sich das nicht erklären und vermutete übernatürliche Kräfte als Ursache. Die großen systematischen Hexenverfolgungen entwickelten sich allerdings erst in der frühen Neuzeit (15.-17. Jahrhundert). Die Anfänge, oder eine der Ursachen, gehen wahrscheinlich von einem Papst aus. Im Jahr 1326 erließ Papst Johannes XXII. die bahnbrechende Papstbulle „Super illius specula“. Johannes erklärte darin, dass jeder, der Magie betreibt, Zauberbilder herstellt oder Dämonen beschwört, einen „Pakt mit der Hölle“ eingeht. Damit war Zauberei kein simpler Aberglaube mehr, sondern Häresie (Ketzerei). Anfangs bildeten Hexenverbrennungen allerdings noch die Ausnahme, das steigerte sich im Laufe der Zeit.

Bei Häresie war die Kirche anfangs darauf bedacht, die Angeklagten dahin zu drängen, zu widerrufen. Damit konnten sie in der Kirche rehabilitiert werden und wurden manchmal, wenn sie viel Glück hatten, wieder rehabilitiert, mit entsprechenden Auflagen. Wer sich für weitere Recherchen zum Thema Häresie und Verfolgungen der Beginen interessiert, wird auf dem Youtube-Kanal fündig. Die folgenden Szenen sind eine sinngemäße Rekonstruktion auf Grundlage der überlieferten Prozessakten.

Die Verhöre konzentrierten sich häufig auf Aussagen wie: 

Verhör von Bernard Gui – Inquisitor  in Südfrankreich (Anfang 14. Jh.), hier sinngemäß wiedergegeben:

Bernard Gui war einer der bekanntesten Inquisitoren. Er verfasste diverse Verhörleitfäden.

Typische Frage: „Glaubst du, dass Jesus Christus wahrer Gott und Mensch ist, geboren von der Jungfrau Maria?“  → Diese Frage zielte darauf ab, ob der Angeklagte einen der damaligen gängigen Irrtümer (z.B. Katharerglauben) vertrat.

Taktik: Er stellte theologische Prüfungsfragen. Wenn jemand zweideutig antwortete, wurde weiter gebohrt. Die Folter kam meist erst nach langem Verhörprozess und auf Grundlage eines "halben Beweises".

Verhöre wegen der Katharer (Toulouse, ca. 1300), sinngemäß wiedergegeben,

Ein Beispiel aus einem Protokoll eines Bauern aus der Umgebung von Toulouse, der verdächtigt wurde, mit Katharern in Kontakt zu stehen:

Frage des Inquisitors: „Hast du jemals einen sogenannten "Guten Menschen" (gemeint waren Katharer)  in dein Haus aufgenommen, ihn bewirtet oder ihm ein Zeichen der Ehre erwiesen? “Antwort des Bauern:„Nein, ich habe nur einmal einen gesehen, als er an meinem Feld vorbeiging.“

Kommentar: Hier suchte der Inquisitor nach Indizien einer bewussten Unterstützung der Häresie (nicht nach Magie oder Pakt wie bei Hexerei).

Beginen-Verhöre (Köln, 14. Jh.), sinngemäß wiedergegeben: 

Beginen galten gelegentlich als häretisch, wenn sie theologische Aussagen machten.
Typische Frage: „Hast du gelehrt, dass der Mensch durch die Liebe Gottes ohne Kirche selig werden könne?“
Taktik: Vorhalten von angeblichen Aussagen. Geprüft wurde auf Lehrabweichungen, nicht auf Zauber. 

Sinngemäße Beispiele aus Waldenserverhören

Frage des Inquisitors: „Hast du behauptet, dass die Sakramente der römischen Kirche keine Wirkung haben?“ 

Angeklagter: „Ich habe gesagt, dass sie nichts nützen, wenn der Priester in Todsünde lebt.“

Folge: Hier wurde auf die Lehre des Angeklagten eingegangen.
Typischer Fokus: Korrektur, nicht sofortige Strafe.  

Fazit:
Häresieverhöre waren stark auf Glaubensinhalte fokussiert, oft nach dem Muster eines theologischen Verhörs. Die Richter arbeiteten wie Glaubensprüfer, nicht wie Hexenjäger. Sie suchten falsche Lehre, nicht „Beweise“ für Zauberei. Die Taktik war eher argumentativ und auf Rückführung zur Kirche ausgerichtet - wenngleich Folter auch hier später (vor allem ab dem 14. Jh.) angewandt wurde.


Die folgenden Dialoge stellen eine sinngemäße Rekonstruktion auf Grundlage der Prozessakten
von Marguerite Porete dar:

(Quelle: Zusammenfassung aus den Akten des Bischofs von Cambrai und des Inquisitors von Paris)

Inquisitor: „Glaubst du, dass der Mensch, der vollkommen in Gottes Liebe aufgeht, keiner Kirche, keiner Sakramente, keiner äußeren Werke mehr bedarf?“

Marguerite: „Ich habe das so nie gelehrt.“

Inquisitor (nach mehreren Befragungen): „Aber in deinem Buch heißt es: ‚Die Seele, die in der göttlichen Liebe stillsteht, braucht weder Kirche noch Sakramente.‘ Gibst du das zu?“

Marguerite: „Das Buch spricht nicht in meinem Namen, sondern im Namen der Liebe.“ 

Inquisitor: „Leugnest du, dass dies deine Meinung ist?“
Marguerite: (Schweigt)
Für Wilhelm von Paris war dieses Schweigen eine Provokation: Marguerite war die personifizierte Autonomie, die sich der klerikalen Kontrolle entzog.

Ergebnis des Prozesses:

Marguerite verweigerte jede klare Antwort. Ihr hartnäckiges Schweigen wurde als Beweis betrachtet und sie galt als Relapsa, als Rückfällige. Sie wurde der unbelehrbaren Häresie für schuldig gesprochen. Urteil: Verbrennung auf dem Scheiterhaufen (1310 in Paris). Das Urteil wurde rechtskräftig vollzogen am 1. Juni. Ihr Buch  "Der Spiegel der einfachen Seelen", wurde ein paar Jahre vor Ihrer Verhaftung öffentlich verbrannt. Sie hatte es aber weiter verbreitet und nicht aufgehört, daraus vorzulesen. Obwohl sie sich Unterstützung von mehreren Theologen geholt hatte, um die Unbedenklichkeit ihres Buches zu belegen, wurde sie schließlich verhaftet. 


Entdeckung in der Neuzeit

1946 hat die italienische Literaturforscherin Romana Guarnieri in einem Kirchenarchiv gravierende Ähnlichkeiten in den Inquisitionsverhören von Marguerite Porete entdeckt. Sie verglich Passagen mit einem Buch von Jan von Ruesbroec und stellte fest, dass es Marguerites Buch war, welches als verschollen galt. Der Text wurde vom niederländischen Theologen Jan von Ruesbrook unter seinem Synonym über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit getragen. Die Entdeckung der Professorin war eine literarische Sensation. Das Werk einer großartigen Mystikerin, welches schon zu ihren Lebzeiten große Aufmerksamkeit auf sich zog und viel diskutiert wurde, existierte so über die Jahrhunderte weiter. Marguerite schenkt uns heute Einblicke in das Leben einer mutigen Frau, deren mystische Lehre weit über die kirchlichen Vorstellungen ihrer Zeit hinausging und die dafür ihr Leben lassen musste.

*

Quellen:

DOAT -Untersuchung der Universität von York: https://www.york.ac.uk/res/doat/project/

Nachweise, dass Meister Eckhardt von den Inhalten Marguerites Buch wusste.

https://uncg.edu/~rebarton/margporete.htm

Auf YouTube gibt es ein Video über die Verfolgung und Enteignung der Beginen im Mittelalter, als auch einen Text: "Enteignet und verbrannt - das Schicksal der Beginen",
Dieser Text erschien ebenfalls als Podcast auf diversen Podcast-Kanälen. Er behandelt die Geschichte der Beginen, die in diversen Verfolgungswellen (begleitet von wiederholten Schutzbriefen) die Beginenbewegung empfindlich reduzierten.

-------------------------------------

Zurück zum Hauptlink Beginen-Gechichte

BEGINEN-RECHERCHE - viele Quellen und Recherche-Ergebnisse 

Europaweite Bezeichnungen für Beginen - denn die Verwirrung wird groß, wenn man die vielen Namen liest, die für ein Leben als Begine verwendet wurden.